Buchbesprechung

Gymnastizierung von Gangpferden

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Auf dieses Buch haben ambitionierte Gangpferde-Reiter schon lange gewartet und sie wurden nicht enttäuscht.  Mit Andrea Jänisch und Kaja Stührenberg kommen zwei Reiterinnen zu Wort, die schon seit vielen Jahren für feines, schönes Gangpferdereiten stehen.

Das Buch beginnt mit dem Kapitel: Woher kommt eigentlich der Viertakt und wie wird weitervererbt ? Welche Auswirkungen hat das Exterieur auf die Gangveranlagung ? Hier werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgebröselt und mit der Ausbildungspraxis verglichen. Ebenfalls sehr interessant ist das Kapitel "die Last mit dem Pass". Vorurteilsfrei werden hier die Probleme und Schwierigkeiten, die diese Gangart mit sich bringt beleuchtet. 

Wegweisend für mich waren jedoch die Kapitel über Losgelassenheit, Spannung, Gleichgewicht und Tragfähigkeit. Hier nur eine kurzer Abschnitt, der die Reitphilosophie der beiden Autorinnen verdeutlichten soll: 

"Der Begriff locker wird oft mit nicht anstrengend gleichgesetzt und mit der Vorstellung eines Western Pleasure Pferdes verbunden. Besser wäre es mit locker den Begriff beweglich zu assoziieren. Denn nicht nur das am langen Zügel, entspannt vor sich hin trabende Pferd ist locker. Gerade für schwierige, anstrengende Lektionen, zum Beispiel für ein Schulterherein im Tölt muss das Gangpferd locker sein. Denn nur ein bewegliches, geschmeidiges Pferd kann gleichzeitig im Genick nachgeben und im Becken abkippen. Von daher widerspricht Losgelassenheit auch nicht spektakulären Bewegungen. Es gibt mehrere Stufen der Losgelassenheit: von locker-ökonomisch bis locker-anstrengend. In dem Moment, in dem der Reiter mehr Spannung aufbaut kann das Lockere zum Spektakulären werden. Die Spannung bleibt aber bestimmbar und wird damit nicht zur Verspannung. 

Zwar bietet dieses Buch viel Theorie, die aber keineswegs staubtrocken serviert wird, sondern mit vielen Erfahrungen der Autorinnen gespickt ist. Es gibt zahlreiche praktische Tipps: Wie z.B. Taktfehler behoben werden können und für welche Pferde sich welche Lektionen eignen. Welche Unterschiede man bei Gymnastizierung im Trab oder im Viertakt beachten muss, wie die Biegungen im Viertakt am besten bewältigt werden uvm.

Auch wenn man meint, man hätte schon alles über den Reitersitz und die Hilfen gelesen, in diesem Buch findet man viel Stoff zum Nachdenken. Hier noch mal eine kleine Kostprobe: 

Die Beweglichkeit des Beckens setzt ein lockeres, dehnbares Bein voraus mit einem offenen Hüftwinkel, da sonst anatomisch die Hüftrotation eingeschränkt wird. Zu viel Druck in Oberschenkel und Knie stört den Viertakt. Das Pferd glaubt zu wenig Platz zu haben, um sich seitlich auszudehnen zu können. Es müsste sich aber ausdehnen dürfen, gerade wenn es sich zum Beispiel für langsame Tempi mehr schließen soll. Es muss Volumen bekommen dürfen und sich nicht durch eine "Wäscheklammer" auf seinem Rücken beengt fühlen. Lockere, sich öffnende Beine lassen das Untertreten des Pferdes zu und erlauben ihm ein fließendes Spiel mit dem Gleichgewicht. Durch diese Losgelassenheit ist das Bein in der Lage den Viertakt auszufedern, vor allem im Fußgelenk muss die für den Viertakt charakteristische, leichte Vibration im Bein des Reiters zu sehen sein. Der Sitz des Reiters nimmt die Schwingungen in sich auf  und gibt dem Pferd den Takt zurück. Daraus leiten sich für alle Viertakt-Gangarten vibrierende Schenkelhilfen ab, die den Takt unterstützen. 

Das wirklich bahnbrechende an diesem Buch ist nicht, das Gangpferde gymnastiziert werden sollen, das wird einem in jedem Gangpferde-Reitkurs gepredigt. Das wirklich revolutionäre ist die Art und Weise, wie es in diesem Buch vorgemacht und vorgelebt wird; nämlich mit Leichtigkeit und Freude für Pferd und Reiter. Sicher, Reiten lernt man nicht aus Büchern, aber dieses Werk pflanzt einem Ideale in den Kopf, denen man nacheifern möchte. 

Gangpferdefreunde, egal mit welchem Vorwissen können von diesem Buch nur profitieren. Viele sehr schöne und aussagekräftige Fotos unterstützen den Text perfekt.